Ein Querschnitt durch die Geschichte der Karlsruher Lutherkirche

Artikel von Hans-Peter Sturm und Elisabeth Schmidle

LutherkircheIm Zuge der sprunghaft angestiegenen Einwohnerzahl Karlsruhes entstand ab dem Ende des 19. Jahrhunderts ein neuer Stadtteil östlich des Durlacher Tores, die so genannte „Neu-Oststadt“.

Bereits 1889 beriet der evangelische Kirchengemeinderat über den Neubau einer Kirche für die Oststadtgemeinde und bildete eine Baukommission. Die Lage des Bauplatzes blieb mehrere Jahre unklar - neben dem ausgewählten Platz wurde auch ein Standort am Alten Friedhof in der Kapellenstraße sowie an der Karl-Wilhelm-Straße diskutiert. Der erste Entwurf wurde 1897 von dem Vorstand der evangelischen Kirchenbau-Inspektion Rudolf Burckhardt für den Platz an der Kapellenstraße vorgelegt; er sah neben der Kirche einen Gemeindesaal mit Pfarrhaus vor. Die Bauplatzfrage wurde schließlich wegen der starken Ausdehnung der Stadt nach Osten mit der Wahl des Standortes am Gottesauer Platz entschieden. 1899 kaufte die Kirchengemeinde den Bauplatz an der Durlacher Allee und ein weiteres Grundstück in der Melanchthonstraße.

Architekten und Konzepte.
1900 legte Burckhardt einen Entwurf mit Kostenberechnung vor und äußerte Bedenken darüber, nur 300.000 Mark veranschlagen zu wollen; der Kontrast zur katholischen Kirche St. Bernhard am Durlacher Tor und zur evangelischen Christuskirche am Mühlburger Tor würde zu groß werden. Sein Projekt fand keine Zustimmung. Daraufhin wurde eine Sachverständigenkommission bestellt, in der unter anderen der Architekt Karl Moser mitwirkte. Er hatte sich 1888 mit seinem ebenfalls aus der Schweiz stammenden Kollegen Robert Curjel in Karlsruhe niedergelassen und eine Bürogemeinschaft gebildet, die sehr erfolgreich arbeitete. Um 1900 errichtete dieses Büro die meisten Neubauten in der Stadt. Mehr als 300 Werke sind heute noch in Karlsruhe und der deutschsprachigen Schweiz nachweisbar. Besondere städtebauliche Akzente in Karlsruhe setzten Curjel und Moser mit der Christuskirche im Westen und mit der Festplatzbebauung im Süden der Stadt. Den Auftrag, die Lutherkirche zu entwerfen, erhielt das Büro im März 1901. Bereits im Oktober lag ein Konzept vor, das den Zusammenschluss von Kirche, Gemeindesaal und Pfarrhaus zu einem Gruppenbau vorsah.

Überraschenderweise wollten dann auch die Architekten Hermann Billing und Friedrich Ratzel Pläne einreichen. Deshalb  entschied sich die Baubehörde für einen beschränkten Wettbewerb. Der von Curjel und Moser gewählte neo-romanische Stil wurde als Gegensatz zu St. Bernhard begrüßt, im Gegensatz zu Neo-Renaissance und Neo-Gotik bei Ratzel und Billing. Die abschließende Bewertung zeigte die eindeutige Überlegenheit der Schweizer Architekten, die bereits ein Jahr zuvor nach dem gleichen Muster die Johanniskirche in Mannheim entworfen hatten.

Ihr Karlsruher Konzept erwies sich für den gewählten Bauplatz als äußerst günstig: Während das Baugelände für die Christuskirche vom Großherzog geschenkt worden war, musste die Oststadtgemeinde für den Quadratmeter 30 Mark an die Großherzoglich Badische Forst- und Domänendirektion bezahlen. Der Platzbedarf war daher sorgfältig zu berechnen. Die Wahl des Gruppenbaus erforderte dagegen keinen zusätzlichen Bauplatz für das Pfarrhaus; ein zu diesem Zweck erworbenes Gelände an der Melanchthonstraße konnte daher mit Gewinn wieder verkauft werden. Die Idee zur Anlage der Melanchthonstraße geht auf Rudolf Burckhardt zurück. Sie unterstreicht die Leitgedanken der Architekten und der Kirchengemeinde für das Bauprojekt: Die Disposition der Anlage selbst und ihre Stellung inmitten eines Wohnviertels sollten eine „Gemeindekirche“ und ein „Gemeindezentrum“ versinnbildlichen.

Errichtung der neuen Kirche.
Nach längerer Planungsphase konnte am 15. März 1905 der erste Spatenstich und am 31. Mai, im Beisein des Großherzogpaares, die Grundsteinlegung erfolgen. Noch im Jahr zuvor hatten Nachbarn Einspruch gegen den Gruppenbau erhoben, der jedoch vom Bezirksrat zurückgewiesen worden war. Über die endgültige Dimensionierung des Turmes wurde bei Baubeginn noch diskutiert, auch die Gestaltung der Glockenstube und des Turmabschlusses war erst im März 1906 festgelegt worden. Der Schlussstein konnte schließlich am 11. September gesetzt werden. Am 10. November 1907, dem Geburtstag Martin Luthers, wurde die neue Kirche geweiht. Viele Gemeindeglieder hatten zur Vollendung des Werkes mit ihren Spenden beigetragen; so wurden beispielsweise die von Max Laeuger entworfenen Kirchenfenster unter anderem von dem „Kaloderma“-Fabrikanten Wolff und dem Brauereibesitzer Friedrich Hoepfner gestiftet, der Kirchenältester und  Vorsitzender der Baukommission war.

Zerstörung und Wiederaufbau.
Beim ersten schweren Bombenangriff des Jahres 1944 auf Karlsruhe wurde die Lutherkirche in der Nacht vom 24. auf den 25. April getroffen.  Die West-Empore brannte aus, und alle Fenster wurden zerstört. Bei einem weiteren Luftangriff am 8. September wurden sämtliche Dächer des Bauensembles vernichtet. Pfarrhaus und Konfirmandensaal brannten aus, der Kirchenbau samt Kuppel blieb erhalten. Im Herbst 1945 begann Oberbaurat Hermann Zelt mit den Wiederherstellungsmaßnahmen. Am 24. September 1948 konnte die Kirche wieder eingeweiht werden. Das Dach der Kirche wurde 1951 mit Biberschwänzen statt zuvor mit Schiefer gedeckt. Querrechteckige Schleppgauben ersetzen heute die ehemaligen Fledermausgauben. Die Vergoldungen an der Vorhalle und am Turmobergeschoß wurden nicht rekonstruiert. Während das Erscheinungsbild der Kirche aber dadurch kaum beeinträchtigt ist, haben der Zwischenbau und besonders das Pfarrhaus ihre Bedeutung als architektonisch ausgerichtetes Gegenstück verloren. Im Antrag für den Wiederaufbau des Pfarrhauses 1953 wurde bereits der Abriss des Giebelaufbaus und des Erkers sowie Veränderungen der Fenster gewünscht.

Ende 1961 konnten die Wiederherstellungsarbeiten mit dem Einsetzen der neuen Farbglasfenster, entworfen von Klaus Arnold, abgeschlossen werden. Der Kircheninnenraum hatte einen einheitlichen, hellen Anstrich erhalten. Die ursprüngliche Gliederung durch dekorative und symbolische Malerei-Elemente war nicht rekonstruiert worden. Erst 1983 beschloss die Kirchengemeinde, den Innenraum (von den Fenstern abgesehen) originalgetreu wiederherstellen zu lassen. Am 2. Dezember 1984 wurde die restaurierte Lutherkirche wieder eingeweiht. Die 2001 eingebaute neue Mönch-Orgel ist dem ursprünglichen Instrument von 1907 nachempfunden.

Glocken.
Auch das Geläut hat eine wechselvolle Geschichte: Am 20. September 1906 wurde anlässlich des 50. Hochzeitstages des großherzoglichen Paares die so genannte „Ehejubiläumsglocke“ gestiftet und mit drei weiteren Glocken von der Gießerei Bachert gegossen. Nachdem diese Glocken bereits im Ersten Weltkrieg zum Einschmelzen abgegeben werden mussten, konnte 1924 ein neues, ebenfalls von Bachert gegossenes Geläute geweiht werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde auch dieses zu Rüstungszwecken eingezogen. Nachdem der Wiederaufbau im Wesentlichen abgeschlossen war, erhielt die Lutherkirche zum dritten Mal neue Glocken der Firma Bachert. Dieses fünf-stimmige Geläut wurde am 15. April 1956 geweiht und ruft bis heute die Gläubigen zum Gottesdienst.


Literatur  

- Ausstellungskatalog: Curjel und Moser, Städtebauliche Akzente um 1900 in Karlsruhe, Karlsruhe 1987.
- Ludwig, Annette (Hg.) u. a., Karlsruhe. Architektur im Blick, Karlsruhe 2005.  

- Rößling, Wilfried, Curjel und Moser. Architekten in Karlsruhe/Baden, Karlsruhe 1986.

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